Montag, 12. Juni 2017

Methoden totalitärer Vorzeiten

Thomas Rietzschel auf der Achse des Guten:

Keine Haltung. Dafür eine redaktionelle Linie

Von dem Wenigen, das mir Joachim Fest, der für das Feuilleton zuständige Herausgeber der FAZ, mit auf den Weg gab, als er mich im Spätsommer 1989 als Korrespondent nach Berlin schickte, ist mir eines in Erinnerung geblieben. Ich sollte, sagte er, aufgreifen, was mir wichtig erscheint, um darüber zu schreiben, wie ich es für richtig halte. „Eine „Linie“, auf die die Zeitung ihre Mitarbeiter verpflichte, gebe es nicht, nur „eine Haltung“: den Respekt vor der freien Meinung, die sich sachlich begründen lässt.

Die „redaktionelle Linie“, das war der Makel der anderen Seite gewesen. Über ihre Einhaltung wachten die staatlich berufenen Chefredakteure, die Parteisekretäre und andere Funktionärearte und noc  im Osten. Von einer journalistischen Haltung konnte da keine Rede sein, nur von einer der Unterwürfigkeit. Dass der demokratisch sozialisierte Westen gegen ein derartiges Meinungsdiktat ein für allemal gefeit sei, dass in Deutschland kein Journalist je wieder fürchten müsste, auf eine redaktionelle „Linie“ verdonnert zu werden, war eine Illusion, die ich mir dann lange nicht nehmen lassen wollte.